Vorschlag zur Einführung einer formalen Entscheidungsfindung für die Bewegung

In Vorbereitung des Vernetzungstreffens heute (2021-08-05) Abend möchte ich einen formalen Entscheidungsfindungsprozess zur Diskussion stellen:

Motivation – warum sollten wir sowas brauchen

  • Die Bewegung besteht aus (lokalen) Gruppen, die Gruppen bestehen aus einzelnen Menschen.
  • Bisher ist die Außenwirkung der Bewegung (auf überregionaler Ebene) sehr überschaubar.
  • Eine mögliche Ursache: Wir können bisher als Bewegung nicht aktiv werden, weil wir keine (formale) Entscheidungs- und Legitimationsstruktur haben.
    • Beispiel: Jemand hat eine Projektidee die sie:er gern als B&B-Projekt umsetzen würde
  • Bisherige informelle Entscheidungsstruktur:
    • Individuen oder Teilgruppen handeln eigenmächtig (z.B. bezüglich Infrastruktur) und holen sich dann nachträglich Feedback
  • → Erschwert Zusammenarbeit und Identitätsbildung in der Bewegung (Verbindlichkeit)
  • Gefahr: B&B-Bewegung versandet
  • Klar definierter Entscheidungsprozess ermuntert Menschen Ideen und Verbesserungsvorschläge bis zur Entscheidungsreife auszuarbeiten und der B&B-Bewegung vorzulegen.

Vorschlag

Wir führen eine (möglichst unkomplizierte) formale Entscheidungsstruktur für Angelegenheiten ein, die überregional relevant sind:

  • Entschieden wird während eines turnusgemäßen Vernetzungs- oder Communitytreffens über einen schriftlich formulierten Vorschlag, der allen Abstimmberechtigten vorliegen muss.
  • Der Entscheidung sollte eine angemessene Zeit für Diskussion vorangehen.
  • Entschieden wird mit „konstruktivem Konsens“: Für eine Annahme darf es keine Gegenstimme geben. Enthaltungen sind zulässig.
  • Beschlussfähig ist eine Versammlung wenn mindestens 10 abstimmberechtigte Personen aus mindestens drei (verallgemeinerten) lokalen Gruppen anwesend sind.
  • Eine Person ist abstimmberechtigt, wenn sie einen Account im Forum hat, und mindestens einen öffentlich lesbaren Post aufweist, der zum Abstimmzeitpunkt mindestens 14 Tage alt ist.
  • Entscheidungen werden öffentlich lesbar dokumentiert und archiviert.

Bemerkungen

  • Warum Konsens?
    • Weil es sonst kompliziert wird mit der Repräsentation (große vs. kleine lokale Gruppen, Mitglieder ohne Gruppen)
  • Warum Foren-Account = Stimmberechtigung?
    • einfach nachzuprüfen
    • Aktivität im Forum indiziert mutmaßliches Mitmach-Interesse in der Bewegung
    • Dokumentation der abstimmberechtigten über Link zum Foren-Profil
  • Dieses Entscheidungsfindungsprinzip ist offensichtlich nicht Troll-sicher und skaliert nicht gut mit wachsender Gruppengröße. Dafür ist es relativ einfach.
  • Dokumentation der Entscheidungen (und der Entscheidungsregeln) sollte in einem öffentlichen Git-Repo stattfinden (transparente Änderungshistorie).

Update 2021-08-08: Deutlicher gemacht, dass sich der Vorschlag auf Angelegenheiten von überregionaler Relevanz bezieht.

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Hallo CarK,
ich finde es gut das du dir Gedanken machst. Die Phänomene versanden, Unverbindlichkeit etc. sind sicher ein Problem, das sehe ich ähnlich. Allerdings sind die Mitglieder, bzw. die Leute die sich B&B zugehörig fühlen, bzw. so weit zerstreut aktiv sind, kaum reale Berührungspunkte haben und sich wirklich kennen. Ich finde regionale Gruppen soweit sie existieren sollten autark arbeiten können ohne sich jedes mal ein Ok von andern einholen zu müssen. Sie sollten nach den Regeln arbeiten die sie sich selbst gegeben haben.

Die Entscheidungsprozesse, wie in deiner Überlegung, würden jedes mal sehr lange dauern und die nicht betroffenen nach spätestens nach dem zweiten, dritten, mal total ermüden. Meiner Erfahrung nach würde man sich nur noch mit Strukturen beschäftigen, die Inhalte fallen vom Tisch. Zudem entledigt sich so jede Form von Spontanität. Und vielleicht mein Hauptargument, wir sind aktuell so wenige, sollte ein Dissens größeren Ausmaßes auftreten, bekommen wir das schon geregelt, denke ich.

mit besten grüßen
tunda

ps: wie immer ein blick wert. Design-Prinzipien für Commons-Institutionen

Hallo tunda,

vielen Dank für das Feedback. Dadurch ist mir klar geworden, dass ich vergessen habe, dazuzuschreiben, dass sich mein Vorschlag nur auf Angelegenheiten bezieht, die tendenziell für die ganze Bewegung relevant sind, auf jeden Fall aber für mehr als einen regionalen Zweig. Konkretes aktuelles Beispiel: die Einrichtung und die Pflege eines gemeinsamen überregionalen Mastodon Accounts.

Dass die regionalen Gruppen ihre eigenen Entscheidungen nach ihren eigenen Regeln treffen sollten, sehe ich auch so.

Dass Entscheidungsfindungsdiskussionen ein gewisses Ermüdungspotential haben, sehe ich auch so. Aber meiner Erfahrung nach ist bei unseren Zusammenkünften genügend kollektive Plenumserfahrung am Start, dass sich das im Rahmen hält (und halten wird). Mit einer guten Moderation kann man da schon viel machen. Und andererseits kann eine gewisse Formalisierung auch echt helfen Diskussionen konstruktiv zu beschleunigen. Zum Beispiel ist das schriftliche ausformulieren einer konkreten Entscheidungsfrage eine gute Prävention, dafür, dass eine Diskussion von einem Thema zum nächsten springt, ohne dass ein Ergebnis erzielt wurde. :wink:

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Vielen Dank Carsten für Deine Initiative!

Ich habe in den letzten Monaten häufiger mit anderen Bits&Bäumen über die „einfache Frage“ der Logo-Nutzung bei der Kooperation mit Dritten diskutiert und dabei ist deutlich geworden, dass es wirklich kompliziert ist ohne Entscheidungs- und Legitimationsstruktur :sweat_smile:

Soweit gebe ich Dir völlig recht, habe aber auch Bedenken.

Es ist meiner Meinung nach einerseits fraglich, wie nach ausgiebiger Diskussion über einen formalen Entscheidungsfindungsprozess jener beschlossen werden soll, denn niemand ist wirklich legitimiert, über einen solchen zu entscheiden.

Und andererseits vermute ich, dass eher Parallelstrukturen entstehen würden, die zu einer Zersplitterung anstatt zu einer Festigung der Bewegung führen könnten.
Durch die Institutionalisierung entstünde Machtkonzentration, die bei vielen Menschen und Initiativen auf Ablehnung stoßen könnte, ähnlich wie es die Transition-Bewegung erlebt hat.

Ich empfehle hier mal am Rande das Paper unser Kollegen Daniel. Es gibt dazu auch einige Talks auf dem Video-Portal eures Misstrauens :wink:

Grundrisse eines Frameworks zur Analyse und Kritik der Modellifizierung und Einschreibung von Machtmustern in soziotechnische Systeme https://www.hiig.de/publication/welt-→-modell-→-technik-→-welt-grundrisse-eines-frameworks-zur-analyse-und-kritik-der-modellifizierung-und-einschreibung-von-machtmustern-in-soziotechnische-systeme/

Das ist ein typisches „bootstrapping-Problem“: Woher kommt die initiale Legitimation. Meine Kurze Antwort: Konsens. Wenn in einer Gruppe niemand was dagegen hat, dass diese Gruppe ein bestimmtes regelbasiertes Verfahren zur Entscheidungsfindung einführt, halte ich diese Entscheidung für legitim.

Und andererseits vermute ich, dass eher Parallelstrukturen entstehen würden, die zu einer Zersplitterung anstatt zu einer Festigung der Bewegung führen könnten.
Durch die Institutionalisierung entstünde Machtkonzentration, die bei vielen Menschen und Initiativen auf Ablehnung stoßen könnte, ähnlich wie es die Transition-Bewegung erlebt hat.

Das ist in der Tat eine delikate Frage. Das Ziel meines Vorschlages ist ja gerade Parallelstrukturen und Zersplitterung vorzubeugen. Aus meiner Sicht gibt es drei Möglichkeiten: Die B&B-Bewegung trifft

  • keine Entscheidungen (als gesamte Bewegung)
  • Entscheidungen auf Basis impliziter, informeller und intransparenter Regeln
  • Entscheidungen in einem formalisierten Prozess, d.h. auf Basis expliziter und transparenter Regeln.

Ich verstehe offen gesagt nicht ganz, warum ein transparenter konsensorientierter Entscheidungsprozess eine größere Gefahr der Machtkonzentration und Zersplitterung birgt, als die bisherige adhoc-Entscheidungskultur („Wer macht hat Recht.“) Aber ich habe die angedeuteten Turbulenzen in der Transition-Town-Bewegung auch nicht mitbekommen. Würde mich interessieren.

In dem von Dir referenzierten Beitrag steht: " insbesondere auch implizite Modellannahmen aufzudecken und zu explizieren, um sie damit erstens sichtbar und zweitens hinterfragbar zu machen." Diese Argumentation halte ich auch auf Entscheidungsprozesse anwendbar.

Als Gegenargumente zur Einführung eines formalen Entscheidungsprozesses sehe ich eher die Schwerfälligkeit und Verkopftheit, welche Spontanität verhindert. Auf das Konfliktpotenzial sollte sich eine Einführung eher positiv auswirken.

Moin Carsten,

das wesentliche Problem ist, dass für den Beschluss eines Entscheidungsfindungsprozesses eine Konsensentscheidung aller, die sich zur Bewegung, also zur „Gruppe“ gehörig fühlen, getroffen werden müsste.

Für eine andere Beschlussfähigkeit gäbe es keine Legitimation und auch selbst bei dieser handlet es sich nicht um eine grundsätzlich einwandfreie Erstlegitimation.

Denn die Konsensentscheidung müsste ein permanenter Prozess sein, weil sobald jemensch neues zur Bewegung kommt, diese:r den Konsens nachträglich wieder kippen könnte, der dem Entscheidungsfindungsprozess zugrunde lag (aufgrund mangelnder Erstlegitimation).

Wir werden diese „Menschheitsfrage“ vermutlich nicht lösen können :wink:

Um einen Entscheidungsfindungsprozess zu legitimieren bliebe meiner Meinung nach nur die Möglichkeikeit Bits&Bäume zu institutionalisieren, z.B. als Verein oder Genossenschaft.

Das würde aber bedeuten, dass alle, die sich jetzt als Bits&Bäume verstehen, aber kein Mitglied oder Genoss:in werden wollen, einfach weiter machen können wie bisher (Parallelstruktur), weil natürlich eine Aneignung der Bewegung durch die neu geründete Institution auch nicht legitim wäre.

Beste Grüße,

Mirko

Hallo Mirko,

jetzt verstehe ich Deine Punkte.

Wir werden diese „Menschheitsfrage“ vermutlich nicht lösen können :wink:

Das würde ich differenzierter sehen :wink:

Wir müssen keine perfekte Lösung anstreben, sondern eine die gut genug für uns funktioniert. Und ich denke, dass wir als Gruppe, die sich 21. Jahrhundert neu formiert und einen ziemlich klaren und weitreichenden Weltverbesserungsanspruch hat, einige (strukturelle) Dinge besser machen können (und sollten), als ein Kegelklub in den 1950ern.

Um Deinen Institutionalisierungsgedanken aufzunehmen: Die Gründung eines Vereins oder Genossenschaft sehe ich als zu bürokratisch und vor allem zu aufwendig an. Aber der Grundgedanke lässt sich runterbrechen auf: Menschen schließen sich aus freien Stücken einer Gruppe an und können dann in dieser Gruppe (nach festgelegten Regeln) mit entscheiden. Das schließt natürlich auch das revidieren zurückliegender Entscheidungen ein und auch die Regeln zur Entscheidungsfindung selbst.

Das heißt, wenn ein neues Mitglied in die Gruppe kommt (oder ein Mitglied seine Meinung ändert), steht es diesem frei, eine neue Entscheidungsfindung herbeizuführen, die eine ältere ablöst. Solange das nicht passiert, bleibt die alte gültig. Mit dem Beitritt wird praktisch implizit in die bisherigen Entscheidungen eingewilligt. Wem das nicht passt, macht halt nicht mit.

Der kritischste Punkt ist aus meiner Sicht die Beschlussfähigkeit. Mein Vorschlag ist ja, dass formale Entscheidungen zu den regelmäßigen Vernetzungstreffen bzw. Community-Treffen getroffen werden, wenn eine hinreichende Anzahl an Gruppenmitgliedern (erkennbar an einem Forenaccount, siehe oben) da ist. Menschen, die da nicht dabei sind, können dann halt nicht mitenscheiden.

Das ist nicht ideal, aber aus meiner Sicht immer noch deutlich besser als „Jede:r macht was er:sie will“.

Zusammenfassung
Menschen machen bei B&B mit, weil sie sich mit der Idee und den Werten (ausgedrückt in den 11 Forderungen und dem Bewegungs-Text) identifizieren. Wir als Bewegung können an unsere (zukünftigen) Mitglieder appellieren: Wenn ihr Euch im Rahmen von Bits&Bäume engagieren oder positionieren wollt und das für die Bewegung als Ganzes relevant ist, dann holt Euch die Zustimmung der Bewegung über den formalen Entscheidungs-Prozess.

Dass Menschen sich daran halten, können wir nicht (juristisch) durchsetzen. Wir können nur darauf bauen, dass niemand aus der Bewegung sich bewusst gegen die Bewegung stellen möchte.

Beste Grüße,
Carsten

Hi Carsten,

vielen Dank für Deine Aufsführungen.

Ich möchte noch anmerken, dass ich keineswegs die Gründung einer (weiteren) Institution befürworte. Diese wäre in meinen Augen nur die einzig sinnvolle Lösung, wenn man mehr institutionalisieren möchte.

Ich selbst bin, was dieses Thema angeht ziemlich leidenschaftslos und auch nicht dagegen, so zu verfahren, wie Du es vorschlägst, ich sehe es aber kritisch.

Meiner Meinung nach kann das Bits&Bäume-Netzwerk auch so bleiben wie es ist.
Es muss z.B. keine höheren Ziele verfolgen, mehr Aussenwirkung erreichen, oder einheitliche Positionen erarbeiten und nach außen vertreten.
Ich finde, es sollte Gleichgesinnte zusammen bringen und das macht es ziemlich gut :slight_smile:
Und das „kreative Chaos“ macht Bits&Bäume vielleicht gerade interessant.
Wer mehr Organisation möchte, kann einer der vielen bestehenden Organisationen beitreten :wink:

So, und jetzt sollen sich mal andere äußern…

Beste Grüße,

Mirko

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Ich denke, dass Konsens angestrebt werden kann und für den initialen Beschluss auch nötig ist.
Mir gefiele, wenn Menschen, die mitbeschließen, sich aktiv zu den Zielen bekennten.
Wenn ein Konsens später aml nicht herbeigeführt werden kann, gibt es ja noch Konsent und das Systemische Konsensieren.